Sonntag, 20. Juli 2008

20. Juli

Der 20. Juli 1944 war der Tag, an dem das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier Wolfsschanze ausgeführte Attentat auf Adolf Hitler und der anschließende versuchte Saatsstreich scheiterten.

Bis heute folgenreicher ist leider der 20. Juli 1933. Damals unterzeichneten Eugenio Pacelli - Papst Pius XII. - und der deutsche Vizekanzler Franz von Papen das Reichskonkordat, das das Verhältnis zwischen dem "Heiligen Stuhl" und dem Deutschen Reich regelt und das heute noch fast uneingeschränkt(!) gilt. Es umfasst das "Recht der Kirchen auf Erhebung von Kirchensteuern", die Bestimmung "katholischer Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach” und die Regelung: "Das Reich wird für nicht-katholische Konfessionen gleichartige Regelungen treffen" - die dann auch mit den evangelischen Kirchen getroffen wurden.

Dass im heutigen Deutschland die für demokratisch verfasste Staaten übliche Trennung von Staat und Kirche de facto nicht existiert, ist auf diesen "Kuhhandel" zwischen Nazideutschland und Vatikan zurückzuführen, der nebenbei auch noch der erste große Prestigeerfolg des Naziregimes war.

Zwei erfreulichere Jahrestage:
20. Juli 1906: Finnland führt als erstes europäisches Land das aktive und passive Frauenwahlrecht ein.
Am 20. Juli 1969 erfolgte die erste bemannte Mondlandung mit Apollo 11 durch Neil Armstrong und Edwin Aldrin.

Samstag, 19. Juli 2008

Fremde alte Welten: die Wikinger

Wie schon Fremde alte Welten: Das antike Griechenland beginnt dieser Beitrag in einer trauten Runde von Science-Fiction-Fans und -Schaffenden, am Abend nach einem Science Fiction-Con, in diesem Falle dem "4. Hamburger Zellaktivator-Con". "Con" könnte für "congregation", was man schlicht mit "Versammlung" übersetzen kann, oder für "congress" - Kongress, wer hätte es gedacht - stehen. (Oder für "convention" - danke, Karsten, diese gängige Deutung hatte ich glatt vergessen!) So genau weiß das keiner mehr, und ob es "der" oder "die" Con heißt, kann man sich trefflich streiten, aber es ist letzten Endes egal ... )
Dieses Mal war die Runde kleiner - wir saßen bei Rotwein an der ansonsten schon verwaisten Bar des Eidelstedter Bürgerhauses, im Westen Hamburgs.
Zu unserer Runde gehörte Uwe Anton, SF-Autor (unter anderem bei "Perry Rhodan") und Übersetzer. Da mit Heiko Langhans ein weiterer Übersetzer anwesend war, drehte sich das Gespräch zeitweilig um, na klar, Übersetzungen. Uwe Anton hatte unter anderem die Romantrilogie "The Last Viking" von Poul Anderson übersetzt (deutscher Titel - man ahnt es schon - "Der letzte Wikinger"). Ich kannte die Trilogie und fragte Uwe, wieso die Romane vom Ullstein-Verlag als "Fantasy" vermarktet würden, denn Anderson hält sich genau an die Lebensgeschichte des Warägers und späteren Königs von Norwegen, Harald Hardrade, und beachtet sorgsam die bekannten historischen Tatsachen - weitaus genauer als die meisten historischen Romane, die ich kenne.
Uwe antwortete (darin unterstützt von Heiko), dass "The Last Viking" von magischem Denken geprägt sei, bzw. dass die Protagonisten Magie praktizieren würden. Das sei ein eindeutiges Merkmal von Fantasy.
Meinen Einwand, dass Poul Anderson nur die damals übliche Weltsicht getreulich wiedergegeben hätte, ließen die beiden nicht gelten.

Obwohl sie uns zeitlich näher steht als die Welt der alten Griechen, ist die Welt der Nordeuropäer des frühen Mittelalters für uns nicht weniger fremdartig.
Es ist nichts Neues, dass die meisten historischen Romane die zur Zeit ihrer Entstehung moderne Vorstellungen in vergangenen Zeiten projektieren. Nach der Theorie, dass der Grad an Fremdartigkeit, den ein durchschnittlicher Leser bei einem Unterhaltungsstoff akzeptiert, eher gering ist, müsste ein sehr genau recherchierter und auch die sozialen und religiösen Verhältnisse seiner Handlungszeit wiedergebender Roman weniger erfolgreich sein, als ein Roman, in dem salopp gesprochen, kostümierte Menschen der unserer Gegenwart auftreten.
Tatsächlich gibt es einen Roman, der wie "Der letzte Wikinger" in der ersten Hälfte des 11.Jahrhunderts handelt, der sozusagen das Muster eines auf das heutige Denken abgestimmten (pseudo-)historischen Romans ist: Noah Gordons "Der Medicus". Gordons lässt einen europäischen Heiler in Isfahan in der Schule des berühmten persisches Arztes Abu ʾAli Sina (Avicenna) studieren, um das vor-aufgeklärte Europa mit der hochzivilisierten islamischen Welt des Mittelalters zu konfrontieren.Allerdings handelt der Roman in einer "mittelalterliche" Fantasiewelt, die mit dem realhistorischen 11. Jahrhundert nicht viel gemein hat. Der Roman enthält viele Anachronismen, z. B. gab es im damaligen England keine Hexenverfolgungen, es werden Länder bereist, die es erst viel später gab, wie Bulgarien oder die Türkei, und auch seine Beschreibung Isfahans ist anachronistisch. Außerdem bagatellisiert er die großen kulturellen Unterschiede zwischen Persern und Arabern. "Der Medicus" bedient äußerst wirksam landläufige moderne Klischees, was neben der "anti-eurozentrische" Aussage und der pseudo-dokumentatorischen Detailfülle entscheidend zum Erfolg des Romans beitrug.

Aber zurück in die "Wikingerzeit". Wobei "Wikinger" ja einen "Beruf" und nicht etwa eine Volkszugehörigkeit beschreibt: „die Wiking“ war eine „lange Seereise“. Auf „die Wiking gehen“ hieß soviel wie sich auf Handelsreise / Raubzug / Kriegsfahrt / Forschungsexpedition begeben - die Übergänge waren fließend. Ein „Wikinger“ war gewissermaßen (um es mit „Hägar dem Schrecklichen" zu sagen) ein „Geschäftsreisender“. Aus sprachlicher Bequemlichkeit behalten wir diesen Begriff für die nordgermanische Gesamtbevölkerung bei. Auch Begriffe wie "Normannen" oder "Waräger" sind nur bedingt brauchbar.

Darüber, was in den Köpfen der "Wikinger" ablief, kann, weil die schriftlichen Quellen spärlich und, wie die in Klostern entstandene Chronikliteratur. oft hochgradig tendenziös ist, sehr viel weniger gesichert gesagt werden, als z. B. von den Griechen der "klassischen" Zeit. Was zu allen möglichen Projektionen führte: auf der einen Seite das Bild der kulturfernen, brutalen, zivilisationsunfähigen, streitsüchtigen und rücksichtslosen Barbaren (noch im Jahr 2000 im "Spiegel" thematisiert), auf der anderen die opferbereiten, bis in den Tod gefolgschaftstreuen, von der dekadenten städtischen Zivilisation unberührten, sich kühn mit dem Recht des Stärkeren nehmenden, keinem mannhaften Kampf aus dem Wege gehenden nordischen Recken. Wobei das negativ gemeinte Klischee von den saufenden und raufenden barbarischen Plünderern und das positiv gemeinte von den urwüchsigen harten, aber geraden, nordischen "edlen Wilden" im Grunde auf den selben Klischees beruht. So schief das Bild von "Kulturzerstörenden Wikinger auch ist, es ist auch hoffnungslos übertrieben, die "Wikinger" zu "Kulturbringern" zu stilisieren, wie das z. B. schwedische Nationalromantiker und deutsche Nazis gerne taten. Die ebenfalls etwas verkürzte, aber historisch berechtigte, Feststellung, dass die parlamentarische Demokratie eine Errungenschaft der "Wikinger" sei, und das straffe Hierarchie zur Wikingerzeit schwerlich funktioniert hätten, erfreut sich (zumindest in Deutschland) keiner großen Anhängerschaft.

Eine wichtige Frage - nämlich die nach der Religion der Germanen, einschließlich der Nordgermanen, vor der Christianisierung habe ich bereits an andere Stelle ausführlich beantwortet: Die "alten Germanen" hatten keine Religion. Nur soviel in Kürze: es gab keine heiligen Bücher, keine göttlichen Offenbarungen, die nur auserwählten Propheten (und sonst niemandem) zuteil werden, keine "unfehlbaren" Religionsführer, keinen Priesterstand (Goden waren keine Priester im antiken, geschweige denn christlichem Sinne), keine verbindliche Glaubensvorschriften. Was auch der Grund war, weshalb Jesus relativ mühelos in die Götterwelt vieler wikingerzeitlicher Nordeuropäer integriert werden konnte - ohne das die "Christusverehrer" damit auch schon Christen geworden wären. Die Grenze zwischen "Heidentum" und "Christentum" war offensichtlich recht fließend. Noch im 11. Jahrhundert gab es Gussformen, mit denen je nach Bedarf christliche Kreuze oder Thorshämmer gegossen werden konnten. Bezeichnend ist die Annahme des Christentums durch den Isländischen Althing im Jahre 1000 - übrigens, was gern verschwiegen wird, auf Druck des norwegischen Königs Ólaf Tryggvason, der sich selbst für einen Christen hielt. Nach dem Althingbeschluss durften heidnische Götter zunächst weiter verehrt werden.
Die Missionierung folgte oft politischen Zwecken; das Volk wurde von der "heilsanstaltlichen" Kirchorganisation erfasst, die wiederum eine Machtbasis des sich zentralisierenden Königstums war. Als sich monarchistisch verfasste Staaten in Nordeuropa durchgesetzt hatten, endete die "Wikingerzeit". Auch nachdem sich Königtum und Adel herausgebildet hatten, wurde der "Staat" in Nordeuropa nicht über ein räumliche Territorium definiert (etwa "Dänemark"), sondern über seine Menschen und deren Stellung zum Herrscher (in modernen Begriffen "König der Dänen" statt "König von Dänemark"). Deshalb zog der Tod eines "starken" Königs nicht selten den Zerfall seines Reiches nach sich - Norwegen wurde z. B. mehrmals "geeint" und zerfiel eben so oft wieder in Kleinkönigtümer.

Der immer wieder aufscheinende, vermutlich durch die harten Lebensbedingungen verstärkte, Pragmatismus der "Wikinger" erstreckte sich auch auf das "geistliche" Leben. So heißt es in einem Sagatext, ein Vater hätte sich enttäuscht von Odin abgewandt, nachdem zwei seiner Söhne im Kampf gefallen waren (Odin ist unter vielem Anderen ein Schlachtengott) - er würde nun lieben Thor verehren. Die Annekdote vom Wikinger-Händler, der sich über die schlechte Qualität des Taufhemdes beklagte, denn bei all seinen über 20 vorherigen Taufen hätte er bessere Hemden bekommen - mag von einem christlichen Chronisten, der die "Verstocktheit" und "Doppelzüngigkeit" der Normannen beklagte, erfunden worden sein, aber ohne einen tatsächlich ausgeprägten Pragmatismus, gepaart mit Individualismus und Habgier, ergibt die Anekdote keinen Sinn.

Stichwort "Individualismus". Es wäre falsch, diesen mit dem modernen "Einzelkämpfertum", der Ich-Bezogenheit einer auf permanenten Wettbewerb ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft gleichzusetzen. Der einzelne Nordgermane war seiner Familie und seiner Sippe verpflichtet, und sie wiederum dem Einzelnen. Der "wikingerzeitliche Individualismus" ist als das Streben zu umschreiben, seine Lebensverhältnisse in die eigenen Hände zu nehmen, sein "Glück zu machen" - (im Unterschied zu Moderne, in dem mir nur nur versprochen wird, ich könnte "es" allein schaffen - wobei ich im Falle des Scheiterns eben "selbst schuld" an meinem Unglück sei). Wichtig ist, dass das Streben nach Glück dem Heil keinen Schaden zufügt. (Wobei das Kapitel Heil einen eigenen Beitrag wert ist - zum Beispiel, allerdings bezogen auf die heutige Zeit, diesen: Heil. - Nur eins: Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss. bei den Wikinger so wie heute.)

Mit den Wikingern ist es fast so wie mit dem Ungarn der Zwischenkriegszeit: es war keine Republik, sondern ein Königreich. Aber ohne einen König - Ungarn hatte einen Reichsverweser, Admiral (nicht etwa General, obwohl Ungarn noch nicht einmal Zugang zum Meer hat) Miklós Horthy.
Also: zur Wikingerzeit waren die Familien der Nordgermanen patriarchalisch organisiert. Dass heißt, so patriarchalisch waren die Verhältnisse nicht, die Stellung der Frauen war gemessen an der Verhältnissen im christlichen Europa stark - Frauen konnten Erben, für ihre minderjährigen Söhne herrschen und hatte in Haus und Hof die "Schlüsselgewalt". Es gab drei soziale Klassen, "Edle", Freie und Unfreie, wobei das (noch) keine starren und abgeschotteten "Stände" im Sinne der Feudalordnung waren - es gab noch eine gewissen soziale Mobilität. Alle Versuche, Konstrukte wie "Lehrstand" oder "Nährstand" auf die Wikingerzeit zu projektieren, sind unhistorischer Blödsinn. Zu bestimmten Zeitpunkten fanden die Versammlungen der freien Männer (Thing) statt, bei denen wichtige Entscheidungen besprochen und getroffen wurden, so z. B. die Wahl des Jarls oder des Königs. Das klingt beinahe demokratisch - aber nur auf Island und in geringerem Maße in anderen atlantischen Siedlungsgebieten entstand daraus eine "echte" Demokratie - und zwar eine parlamentarische Demokratie, die praktikabler und stabiler war, als z. B. das athenische Modell. Übrigens war die Macht der Herrscher noch in der frühen Wikingerzeit eingeschränkt - es gab (gewählte) Herzöge bzw. im Norden eher Heerkönige, die den militärischen Oberbefehl innehatten - und wenig mehr. Fast kann man die Geschichte der Wikingerzeit als die Geschichte eine jahrhundertelang andauernden Putsches ansehen, in dem die Könige Nordeuropas von beschränkten Herrschern von Volkes Gnaden zu unanfechtbaren Monarchen von "Gottes Gnaden" aufstiegen.
Die Wikinger galten als mutig - aber selbstmörderisches Heldentum war ihnen fremd. Sie galten als unerbittlich - aber Gastfreundschaft war "Ehrensache". Sie waren Räuber - aber mehr noch gewiefte Händler. Sie besaßen eine Schrift, aber ihre Kultur beruhte auf mündlicher Tradition.
Sie waren höchst widersprüchlich. Was sie eigentlich für ideologischen Missbrauch völlig unbrauchbar machen müsste. Eigentlich.

Freitag, 18. Juli 2008

Schöner Held ...

Während in Israel noch getrauert wird, übt sich die Gulf-News aus Dubai in "Heldenverehrung":
gulf news
Gefunden auf Chajms Sicht
Ein Mann, der eine Handvoll Zivilisten massakriert hat - darunter ein vier Jahre altes Kind, das er mit dem Gewehrkolben erschlagen hat - wird als Held bejubelt - und zwar nicht nur von den "üblichen Verdächtigen" (Hisbollah, Hamas usw.), sondern von weiten Teilen der arabischen Welt. Ich bin kein Soziologe, und mit den kulturellen Codes andere Kulturen bin ich nur unzureichend vertraut, deshalb kann ich nur ganz subjektiv sagen: eine Gesellschaft, in der so etwas möglich ist, in der man sich darüber freut, wenn Mütter ihre toten Söhne beweinen, ist moralisch bankrott. Der freigelassene Mörder Kuntar wird ausgiebig und begeistert gefeiert. Ich stimme Lila darin zu, dass das doch fatal an den Blut- und Opferrausch von Regimes, die man gemeinhin faschistisch nennt, erinnert: Assoziationen.

"Moralisch korrupt" nenne ich "Europa", da man z. B. mit der Regierung des Landes, in dem der Kindsmörder auch von Mitgliedern dieser Regierung bejubelt wird, ernsthaft Verhandlungen führt.

Mittwoch, 16. Juli 2008

- Artikel gelöscht -

Der Artikel enthielt einige Sätze aus einem Chronico-Kommetar von Frau Nina Schnittger, die ich ohne sie, im Sinne eines "Fair Use", als Zitate (mit Quellenangabe) zu kennzeichnen, wörtlich übernommen hatte.

Montag, 14. Juli 2008

Fremde alten Welten: Das antike Griechenland

Es ist schon ein paar Jahre her, da saß ich zusammen mit etlichen anderen Perry-Rhodan-Fans und einige "Perry Rhodan"-Schaffenden während eines PR-Cons nach absolviertem Tagesprogramm in einen kleinen griechischen Restaurant in Garching bei München. Irgendwann, ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang, meinte Klaus N. Frick, Perry Rhodan-Chefredakteur (und irgendwie immer noch Punk) er würde aus eigener Anschauung Kulturen kenne, die weitaus exotischer wären, als alle "außeridischen Zivilisationen", die in der langen Geschichte der "Perry Rhodan"-Romanserie beschrieben wurden.
Ich war über diese Festellung nicht im Geringsten überrascht, schließlich reist Klaus N-Punkt öfter mal in Gegenden, in die sich ein Normaltourist eher selten verirrt - und damit meine ich nicht etwa Garching, sondern z. B. die Kalahari (Namibia, Südwest-Afrika). Davon abgesehen: wäre er eine Figur in Perry-Rhodan, gäbe es bestimmt zahlreiche Leser, die ihn als "völlig unglaubwürdig konstruiert" bezeichnen würden.

Irgendwie kam das Gespräch dann darauf, dass es eine Grenze gäbe, ab der eine "exotische Kultur" für den europäischen Normalleser nicht mehr vorstellbar wäre. Deshalb sei es in Science Fiction und Fantasy, die auf einen Massenmarkt abzielt, nicht möglich, etwa eine der Kultur entsprechend der der namibischen Himba zugrunde zu legen. Der Leser wäre damit schlicht überfordert.
Wir diskutierten eine Weile hin und her, wie "europäisch" bzw. "nordamerikanisch" eine Kultur sein müsse, um für hiesige Unterhaltungsliteratur "noch verständlich" zu sein. Da schlug ich vor, inspiriert von der auf "Antike" gestylten Inneneinrichtung des "Griechen", die Grenze läge etwa bei der "klassischen" altgriechischen Kultur. Jemand (ich glaube, es war Heiko Langhans) widersprach mir energisch, und meinte, das klassische Griechenland des Plato, Sokrates, Perikles oder Alkibiades läge schon weit jenseits des Horizonts des Durchschnittslesers, zumindest dann, wenn man es halbwegs wahrheitsgemäß schildern würde.

Als ich mich durch den Exkurs über die Odyssee in Adorno / Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" arbeitete (siehe: Odysseus - der erste "bürgerliche Mensch"), da musste ich an diesen Abend beim "Griechen" in Garching denken. Adorno und Horkheimer entstammten dem Bildungsbürgertum, sie waren mit der Geschichte des antiken Griechenlands sicherlich vertraut - kurz, sie waren, was das klassische Altertum anging, mit einiger Wahrscheinlichkeit gebildet. Trotzdem konnten - oder wollten - sie sich in die kulturellen und sozialen Verhältnisse, wie sie im antiken Griechenland herrschten, nicht hineindenken.

Ich musste auch an den "Spartanerfilm" "300" denken (Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: "300"), einem Werk, dass auf geschichtliche Tatsachen zugunsten der "Geschichte" bewusst verzichtete. (Fast alle anderen Antikenfilme verzichten unbewusst.) "300" würde, wenn man die Kultur der Griechen und der Perser einigermaßen authentisch nachvollziehen würde, wahrscheinlich nicht funktionieren - jedenfalls nicht für ein amerikanisch oder europäisch geprägtes Massenpublikum.

Knüpfen wir der Einfachheit halber bei diesem Film an. Leonidas war König der Spartaner. Als neuzeitliche Menschen denken wir sofort an ein antikes Gegenstück zu Napoleon oder Friedrich II. von Preußen, also einen Feldherrn und Monarchen in Personalunion - vielleicht mit einem Stoßseufzer verbunden, dass "damals" die Oberbefehlshaber noch selbst in der Schlacht ihr Leben riskierten, anstatt vom sicheren Tiefbunker aus (... usw. usw.). Allerdings hatte der gute König Leonidas mit dem "Alten Fritz" wenig gemeinsam. Das fängt schon damit an, dass Sparta zwei Könige hatte, die gemeinsam herrschten. Herrschten, nicht regierten, denn regiert wurde Sparta von fünf Ephoren, die zwar jedes Jahr neu gewählt wurden, was aber mit Demokratie, wie es sie beim Dauerrivalen Athen zumindest zeitweilig gab, nicht viel gemein hatte, nicht nur, weil nur etwa 8000 Männer, die Spartiaten, Wahlrecht hatten, sondern auch, weil die Ephoren eine fast unbegrenzte Macht hatten und niemandem Rechenschaft schuldig waren, ähnlich wie absolute Monarchen.
Leonidas war (wie alle spartanischen Könige) Sakralkönig - so ähnlich wie später bei jenen germanischen Stämmen, die ein Königstum entwickelten: er war Vertreter seines Volkes gegenüber den Göttern, oberster Priester, Träger des "Heils" (wobei sich die altgriechische Heilsvorstellung von der germanischen sicherlich unterschied - und sich kaum mit neuzeitlichen Begriffe erklären lässt) - politische Macht hatte so ein Spartanerkönig praktisch keine. Dafür war er im Krieg Heerführer, mit voller Befehlsgewalt.
Es lohnt, sich etwas näher mit dem spartanischen Kosmos zu beschäftigen. "Kosmos", "Ordnung", aber auch "Anstand", mit diesem Wort bezeichneten die Spartaner selbst ihr nach ihren Begriffen harmonisches Gemeinwesen, das nach heutige Begriffen wie ein totalitärer Alptraum anmutet, aber nach griechischem Verständnis, auch dem der völlig anders organisierten Athener, keine "Tyrannis" war. Jedenfalls war der Kosmos Spartas bei weitem "exotischer", als es fast alle "außerirdischen" Zivilisationen im literarischen Kosmos der Science Fiction sind.

Im Film "300" beschimpft Leonidas die Athener als "Schwuchteln". Der Begriff "Homosexualität" ist ein Denkkonstrukt - wenn man so will, eine geistige "Schublade" - der Neuzeit, und das völlig unabhängig davon, ob eine nicht-neuzeitliche, nicht "abendländische" Kultur gleichgeschlechtlichen Sex missbilligt, toleriert oder, wie im antiken Griechenland, verehrt. Das heißt: wirklich angesehen war Geschlechtsverkehr unter erwachsenen Männern in Athen nicht, während die Paderaistia, die "Knabenliebe", sozusagen zum "guten Ton" gehörte. Aber nirgendwo im antiken Griechenland nahm die Paderaistia einen so hohen Rang ein wie in Sparta. Eine "Knabenliebe", die nach unserem Verständnis auf den sexuellen Missbrauch von abhängigen Minderjährigen hinausläuft (allerdings war vor Beginn der Pubertät ein Knabe auch in Sparta tabu). In Athen wurden Kritiker der Paderaistia noch in der Römerzeit als weltfremd, sauertöpferisch oder schlicht barbarisch verspottet - in Sparta wären sie, wenn es sie überhaupt zu Wort gekommen wären, als umstürzlerisch und volksverräterisch verdammt worden, denn die Paderaistia gehörte zu den Fundamenten des "Kosmos". Nach dem spartanischen Ideal sollte jeder junge Spartiate durch feste erotische Bande an einen vorbildlichen Mann gekettet sein, und jeder Krieger durch seine Gefühle gegenüber einem jugendlichen Liebhaber zu höchstem Vorbild aufgestachelt werden. Auch unter erwachsenen Spartiaten galten "Liebespaare" als besonders tapfere Kämpfer. Daher überrascht es nicht, dass die Spartaner vor einer Schlacht dem Eros opferten.
Übrigens scheinen sich im alten Griechenland Paideraistia und "heterosexueller" Sex niemals ausgeschlossen zu haben. Wenn der spartanische Staat "Nachwuchssorgen" hatte, Männer, die mit 30 noch nicht verheiratet waren, mit Strafen belegte, oder verlangte, dass ein kinderloser Ehemann sich seines Bruders oder Freundes als "Ehehelfer" bediente, dann lag das wahrscheinlich nicht daran, dass spartanische Männer Sex mit Frauen generell abgeneigt gewesen wären. Die Athener waren es jedenfalls nicht.

Freitag, 11. Juli 2008

Au! Schwer vom Taschen-Stöckchen getroffen.

Bin von Distelfliege beschmissen worden ...

1. Take a picture of your bag.
Rucksack
Gemacht. Es ist mein schon ziemlich mitgenommen aussehender Tagestourenrucksack, den ich fast immer benutze, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin.

2. Now dump everything out and neatly adjust them, and take a picture (no matter how embarrassing).
Inhalt
Erstaunlich, was in einem "leeren" Rucksack so alles steckt ...

3. Talk about the items inside. Detail.

Der Regenschirm ist so ein billiger Taschenschirm. Auf dem Fahrrad natürlich nicht zu gebrauchen; ich habe ihn eingesteckt, weil ich den Rucksack zuletzt "zu Fuß" benutzte, und weil es gerade arg nach Regen aussah.
Einen Einkaufsbeutel habe ich deshalb dabei, weil ich den Rucksack zum Einkaufen trug, und weil meine Einkäufe nicht alle im Rucksack Platz fanden.
Labello-Stift. Steckte in der unteren Nebentasche. Wusste gar nicht, dass er da noch drin steckte. Bin irgendwie froh, dass da ein Lippenpflegestift und nicht etwa ein Kondom wieder auftauchte.
Ein paar gnabbelige Papiertaschentücher. Kommentar überflüssig.
Ein Taschenmesser. Endlich mal ein annähernd "typisch männliches" survivalmäßiges Teil, nicht wahr, Distel?
Brillenetui. Habe ich oft sicherheitshalber dabei, denn ich hatte schon mal eine Brille ruiniert, die ich mal kurz beiseite legte - ungeschützt.
Notizblock. Ich bin der Typ, der sich eigentlich immer irgendwelche Notizen macht - und wenn nicht, irgendetwas krickelt. (Natürlich nicht, wenn ich auf dem Fahrrad sitze.)
Stift. Ohne ist der Notizblock irgendwie schlecht zu gebrauchen.

4. Tag 6 people. (Don’t tag the person that was already tagged.)

Arrg ... Die Menschen, auf deren Tascheninhalt ich neugierig wäre, bloggen entweder nicht, oder es wäre extrem unwahrscheinlich, dass sie auf ein Stöckchen von mit reagieren würden.
Z. B. wüsste ich gern, was Königin Elisabeth II. in diesem albernen kleinen altmodischen Handtäschen hat, das sie offensichtlich immer mit sich herumträgt - und zwar seit über 50 Jahren.
Ich wüsste auch gern, was sich in Guido Westerwelles schickem Aktenköfferchen befindet.
Ebenfalls rätselhaft ist der Inhalt von Madonnas Handtasche - es muss schon einen Grund haben, wieso sie ihre Tasche meistens von einem Diener tragen lässt. Ist sie vielleicht so schwer? Aber was könnte so schwer sein, dass frau ihre Tasche nicht selbst tragen mag? Ein Ambos? Hantelscheiben? Oder etwa Goldbarren?
Beim "Stilexperten" Bruce Darnell wüsste ich nur gerne, ob überhaupt etwas in seiner topmodischen Herrenhandtasche mit dem mutmaßlichen Anschaffungspreis eines Mittelklassewagens ist. So ein Edel-Teil ist doch zu Schade zum Benutzen - oder?
Mir ist neulich in der Tagesschau aufgefallen, dass das Merkel - ich meine natürlich die Frau Bundeskanzlerin - eine auffällig große Handtasche, einen sog. Messenger, trug. Vielleicht bezog der Kommentar, sie könne Sarkozy glatt in die Tasche stecken, auf diesen geräumigen Shoppingbehälter. Der französische Präsident ist nun mal nicht sonderlich hochgewachsen.


Nein, ich bin nicht sadistisch genug, um dieses Stöckchen zu werfen. Soll es sich aufheben, wer mag.

Mittwoch, 9. Juli 2008

"Hamburger Ebb' und Fluth"

Das ist der genaue Titel der gemeinhin als "Wassermusik Georg Philipp Telemanns" bekannten Orchestersuite, nicht zu verwechseln mit der noch berühmteren Wassermusik Georg Friedrich Händels.

Es gibt die Legende vom weltoffenen, toleranten Hamburg. Das ist, für den Kenner der hamburgischen Verhältnisse, doch recht erstaunlich, denn an staatlicher Pression und Repression mangelt es hier nun wirklich nicht. (Aktuelles Beispiel aus der regionalen taz: Operation Rote Flora - Die Razzia im Hamburger Schanzenviertel setzte eine interne Anweisung um, die auch im polizeilichen Dienstunterricht behandelt wird. Das autonome Zentrum klagt auf Schadensersatz.) In beinahe jeder Hinsicht ist Hamburg eine typisch deutsche Großstadt.

Aber irgend etwas ist in Hamburg anders als in Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Leipzig, München. Ich nenne es mal: Das maritime Flair.
"Was heißt hier maritim"? fragte mich vor einiger Zeit ein aus Mainfranken stammender Bekannter. "Hamburg liegt gut 70 - 80 Kilometer vom Meer entfernt." Bei Küstenstädten wie Bremerhaven, Kiel, vielleicht auch noch Lübeck oder Rostock, da sähe er es ein, aber Hamburg? Trotz Hafen sei doch vom Einfluss des Meeres wenig zu spüren!

Es ist aber zu spüren. Telemann brachte es auf den Punkt, als er 1723 aus Anlass der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Hamburger Admiralität seine "Wassermusik" schrieb: "Hamburger Ebb und Fluth".
Zur Illustration zwei Fotos, die ich neulich am St. Annen-Fleet in der "Speicherstadt" aufnahm.

Reparaturarbeiten an der Kaimauer (bei Ebbe):
Kaimauer01

Das St. Annen-Fleet, bei Flut:
Kaimauer02

Der mittlere Tidenhub (Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser) in Hamburg ist 2,52 Meter.

Poetisch gesprochen, ist es der Pulsschlag des Meeres. Ich erinnere mich (ungern!) an einen öden Bürojob, es ist schon einige Jahre her. Wie es der Zufall - oder sonstwer, der unter dem Pseudonym "Zufall" auftritt - so wollte, lag das Bürohaus an einem der unzähligen Kanäle, die weite Teile Hamburg durchziehen. ("Das Haus liegt direkt an einer Brücke über einen Kanal oder Fluss" - das mag in anderen Städten eine sinnvolle Orientierungshilfe sein. In Hamburg nicht: Insgesamt rund 2400 Bauwerke führen in der Hansestadt über Wasser, über Elbarme, Flüsse, Fleete, Kanäle und Hafenbecken.) Über die Bille stand dieser Kanal mit der Norderelbe in Verbindung, und obwohl an der Mündung der Bille ein Sperrwerk installiert ist, hob- und senkte sich der Wasserspiegel des Kanals im Takt der Gezeiten. Nicht so stark wie direkt wie an der Elbe, aber unübersehbar.
Ich ertappte mich oft bei dem Gedanken: Mit einem tüchtigen Segelboot könnste Du direkt von dieser elenden geistige Legebatterie ablegen und in See stechen. Einfach ablegen - und erst in Südengland, in der Bretagne, in Irland - oder auch erst in Amerika - wieder an Land gehen. "Ich träume oft davon, mir ein Segelboot zu klau'n / und einfach abzuhauen" (alter Song von Udo Lindenberg, aus der Zeit, als er noch Haar hatte).

Sicher, es kommen noch andere, historische, politische, ökonomische Umstände hinzu, die entscheiden, ob eine Hafenstadt auch "weltoffen" oder gar "kosmopolitisch" ist. Hamburg ist es ja auch nur begrenzt weltoffen und gewiss keine Weltstadt - aber wie begrenzt ist mitunter auch die Weltoffenheit z. B. der anerkannten Weltstadt London? Die Historie erinnert z. B. daran, dass Hamburg eine alte Stadtrepublik ist - und mehr noch daran, dass "allzu nah" vor den Toren Hamburg Altona lag - vor der Französischen Revolution 1789 der freiheitlichste Flecken Europas - und vermutlich auch noch einige Jahre darüber hinaus ...

Was unterscheidet Hamburg vom "Rest" Deutschlands? Vermutlich, dass Hamburg (manchmal) angenehm "undeutsch" ist ... (interessanterweise trifft das auch auf Teile Berlins zu).

Womit ich bei einer anderen Frage wäre: was unterscheidet Deutsche und Österreicher? Angeblich ja, dass ein Österreicher jemand sei, der Beethoven für einen Österreicher und Hitler für einen Deutschen hält. Aber dieser kleine Irrtum ist wahrlich kein Privileg der Österreicher. Wobei ich übrigens strikt zwischen Österreichern und Wienern unterscheide. Das sind zwei sehr verschiedene Spezies Mensch.

Besser lässt sich der Mentalitätsunterschied zwischen Deutschen und Österreichern so beschreiben: die Deutschen sehen mit Pessimismus in die Zukunft, die Österreicher aber voller Optimismus in die Vergangenheit.

Womit ich diese Folge locker aus meinem Hirn quellender Gedankensplitter abschließe.

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MMarheinecke - 22. Jul, 11:50
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